Unpopuläre Meinung
Wer in Kreisen unterwegs ist, in denen Menschen über ihre Therapie-Erfahrungen sprechen, kommt früher oder später an einer Variante des Statements vorbei: „Menschen müssen in Therapie gehen, weil jemand anders nicht gegangen ist.“ Und das ist so’n Satz, um Max Uthoff zu paraphrasieren, der das mal zu einem völlig anderen Thema gesagt hat, bei dem man beim ersten Lesen denkt: Ja! Und dann beim Drüber Nachdenken merkt: Nee. Jedes Mal, wenn ich das lese, zieht sich bei mir alles zusammen. Heute will ich mal sortieren, warum ich diese Aussage so problematisch finde.
Eins vorweg: Die eigenen Trigger
Man könnte jetzt fragen, ob mich die Aussage in erster Linie deshalb nervt, weil ich zu denen gehöre, die in Therapie hätten gehen sollen, bevor sie jemandem schaden. Oder ob ich zu den Opfern von jemandem gehöre, der lieber hätte in Therapie gehen sollen, bevor er mir schadet. Ohne in die Details gehen zu wollen, da ich über andere Personen reden müsste: Beide Fragen kann ich mit Ja beantworten. Ich habe mit Sicherheit meinen Teil zu Erlebnissen beigetragen, die jemand in sehr schlechter Erinnerung hat oder wo ich nicht optimal reagiert und geholfen habe, weil ich mit meinen eigenen Problemen zu tun hatte. Und ich kann auch sagen, dass mir die Therapie bestimmter Personen sicherlich einiges erspart hätte. Definitiv hätte es mir aber nicht meine eigene psychische Erkrankung und die zugehörige Therapie erspart. Und damit sind wir beim ersten Punkt der Liste, was mich an der Aussage so anfasst:
5 völlig subjektive Interpretationen des Statements, die ich nicht teile
1 Menschen müssen nur in Therapie wegen dem, was andere ihnen angetan haben
Das stimmt einfach nicht. Was natürlich in keinster Weise andeuten soll, dass es diese Fälle nicht gäbe. Natürlich gibt es die. Massenhaft. Jeder von uns trifft diese Menschen jeden Tag. Sie sitzen neben uns in der Bahn, wir arbeiten mit ihnen, wir sind mit ihnen verwandt und befreundet. Wir sind diese Personen.
Das Risiko, z.B. eine Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, ist bei einer Gewalttat deutlich höher, als wenn jemand einen Unfall erlebt oder bei einem Naturereignis zu Schaden kommt. Es macht einen großen Unterschied, ob wir zufällig Opfer werden von Dingen, die halt passieren, oder ob jemand uns auserkoren, sich entschieden hat, uns zu verletzen, möglicherweise sogar wiederholt oder über einen längeren Zeitraum. Aber Menschen gehen auch aus ganz anderen Gründen in Therapie.
Es gibt körperliche Erkrankungen und Medikamente, die psychische Symptome verursachen. Natürlich steht da die Behandlung der Grunderkrankung oder eine Neueinstellung der Medikation im Vordergrund, aber eine begleitende Psychotherapie kann angezeigt sein. Wenn Erkrankungen zu großen Einschränkungen des Lebens, chronischen Schmerzen, Behinderungen führen, kann das wiederum zu psychischen Störungen führen, die behandlungsbedürftig sind.
Dasselbe gilt für alle möglichen Ereignisse, die das Leben aus der Bahn werfen: Verluste, Todesfälle, Renteneintritt, Kündigung, Insolvenz, Sinnkrisen. Wir sind unterschiedlich gut ausgestattet, um mit existenziellen Krisen umzugehen, und manche profitieren dann von einer Therapie. Denkt an die Suizidrate in manchen Berufszweigen! Systemische Probleme lösen sich nicht, indem dein Chef in Therapie geht.
2 Wer Täter wird, ist psychisch krank
Dieses Denken ist verlockend und m. M. n. einer der Hauptgründe dafür, warum wir als Gesellschaft das Ausmaß von sexualisierter Gewalt, Kindesmissbrauch, Mobbing etc. nicht schnallen. Weil ein Teil von uns denkt, die Täter müssen krank sein. Und so viele Kranke gibt es ja gar nicht. Das geht in die gleiche Richtung wie die Idee, dass das Opfer irgendwas gemacht haben muss, um den Täter zu provozieren. Davon lösen wir uns dankenswerterweise ja immer mehr. Beide Ideen haben aber den Sinn, dass wir uns nicht so schutz- und machtlos fühlen. Wenn das Opfer Mitschuld trägt, kann ich mich auf eine bestimmte Art verhalten, damit ich nicht ausgewählt werde. Wenn die Täterin krank ist, muss sie in Therapie. Das ist alles besser als die unangenehme Erkenntnis: das Leben ist gefährlich, endet immer tödlich, und ich kann relativ wenig dagegen tun, wenn ich auch nur ein bisschen Spaß im Leben haben möchte.
Nun könnte man argumentieren, dass allein die Tatsache, dass jemand ein Mitglied seiner eigenen Spezies angreift, schon ein Symptom psychischer Erkrankung darstellen sollte. Meinetwegen auch beschränkt auf bestimmte, besonders schwere Taten. Aber wer möchte in so einer Gesellschaft leben? Das Vorliegen psychischer Erkrankungen und anderer Faktoren wird in der Rechtsprechung bereits berücksichtigt. Eine Gesellschaft, die die Dinge, die sie als kriminell definiert, gleichzeitig zu Diagnosekriterien macht, bewegt sich auf sehr dünnem Eis. Psychiatrie war oft Werkzeug politischer Unterdrückung und ich habe Bauchweh genug damit, dass auch jetzt Diagnosen auf kultureller Angemessenheit des Verhaltens beruhen. Nachvollziehbar in manchen Fällen, ein Einfallstor für und das Resultat von Vorurteilen und Diskriminierung bei anderen.
Wenn wir akzeptieren, dass Gewalt innerhalb des normalen menschlichen Spektrums an Verhalten liegt und ein großer Teil der Menschen, die zu Täter*innen werden, gar nicht psychisch krank oder traumatisiert sind, relativiert das den Nutzen von Therapie für die Prävention. Menschen, die nicht krank sind, gehen ja normalerweise nicht in Therapie, werden von niemandem geschickt. Es gibt schlicht keinen Anlass. Und es ist vermutlich nicht nützlich (oder umsetzbar), dass alle prophylaktisch in Therapie gehen.
3 Therapie hätte die Tat(en) verhindert
Aber was ist mit den anderen? Den Tätern, die tatsächlich selbst krank sind? Warum schaffen wir es nicht, sie zu identifizieren und ihnen zu helfen, bevor sie anderen wehtun? Warum fällt uns Kindesmissbrauch so lange nicht auf, trotz U-allesmögliche-Untersuchungen bei der Kinderärztin, Schulpflicht und mehr Sensibilität in der Gesellschaft? Warum lassen wir v.a. Männern ihr aggressives Verhalten durchgehen, bis irgendwann jemand richtig leiden muss? Warum haben wir keine Handhabe, die Fälle wie den Messerangriff im Hamburger Hauptbahnhof zu verhindern, bei dem eine Frau in einer Psychose auf Reisende eingestochen hat?
Alles gute Fragen. Und ich bin froh, wenn ihr diese Themen ansprecht und laut werdet dafür, dass sich unsere Haltung zu bestimmten Formen von Gewalt ändert, das Hilfesystem besser ausgestattet wird oder mehr Prävention finanziert und durchgesetzt wird. Aber bitte nicht mit pauschalen Aussagen und falsch verstandenen Klischees!
Die Opfer der Frau am Bahnhof sind nicht deshalb in Therapie, weil die Täterin NICHT in Therapie war. Sondern weil Therapie nicht das Allheilmittel ist. Je nach Erkrankung gibt es bessere und schlechtere Therapiemöglichkeiten, die dann noch bei jede*r Patient*in mehr oder weniger gut anschlagen. Therapie hängt an oft knappen Ressourcen, ist für manche schwer und für andere gar nicht verfügbar. Therapie endet irgendwann, und nicht immer ist der Grund dafür das Erreichen des Therapieziels. Erkrankungen haben unterschiedliche Verläufe, manche sind nach kurzer Zeit austherapiert, andere verlaufen zyklisch, wieder andere Patient*innen leiden ihr Leben lang an Symptomen.
4 Der Täter hat sich der Therapie verweigert
Die Annahme, dass der Täter nicht in Therapie war, wirft die Frage nach dem Warum eigentlich nicht? auf. Und wir treffen so ein Statement ja meist nicht aus Mitgefühl für den anderen (er konnte sich dem nicht stellen), sondern für uns selbst (deshalb muss ich das jetzt).
Es ist verlockend, dem Täter so eine mächtige Position zuzuschreiben. Er konnte mich verletzen. Er hätte sich auch anders verhalten können. Und in vielen, wenn nicht den meisten, Fällen stimmt das ja auch. Ich würde allerdings argumentieren, dass es ausgerechnet in den Fällen, in denen das Statement „Ich muss in Therapie, weil du nicht gegangen bist“ stimmt, die Situation des Täters / der Täterin komplexer ist, als diese Verkürzung impliziert.
Wenn wir für diese Fälle voraussetzen, dass Gewalt ein Zyklus ist, den wir unterbrechen können, indem wir in Therapie gehen, müssen wir anerkennen, dass – zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit – auch der Täter zuvor Opfer geworden ist. Und dass sein Täter werden eine in seinem System folgerichtige Reaktion auf die schwache Position des Opfers ist. Sich dem zu stellen und sich aktiv anders zu entscheiden, ist eine Herkulesaufgabe. Und manche haben nicht die Ressourcen dafür.
Außerdem bringt uns diese Argumentationslinie direkt zur Henne-Ei-Problematik: Wenn Täter Täter werden wegen dem, was ihnen angetan wurde, WER GENAU hätte dann in Therapie gehen müssen?
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich entschuldige damit nicht das Verhalten der Täter. Und vor allem erwarte ich das nicht von Betroffenen. Niemand muss Empathie für seine*n Täter*in aufbringen. Wut und Vorwürfe haben ihre Berechtigung und ihren Platz, von den Betroffenen Verständnis oder Mitgefühl für Täter einzufordern wäre zynisch.
Wir wissen oft nicht, ob jemand über Therapie nachgedacht hat oder nicht und warum er gegangen ist oder nicht. Wenn man selbst sich anders entschieden hat und in Therapie geht, ist einem manchmal nicht bewusst, wie schwierig diese Entscheidung war. Aber du bist die Person, die mutig und stark einen anderen Weg geht, egal wie du es hasst, so genannt zu werden.
5 Der Täter hat die Macht
Diesen Punkt möchte ich besonders betonen. Weil er auf den ersten Blick stimmt. Der Täter hat die Entscheidung getroffen. Egal, ob er krank war oder nicht, ob eine Therapie geholfen hätte oder nicht: die Entscheidungen seines Lebens haben dazu geführt, dass ich sein Opfer geworden bin und jetzt mit den Folgen zu kämpfen habe. Punkt.
Ich kann selbst nicht so besonders gut mit Machtlosigkeit umgehen. Da kann ich so viel meditieren und „Mich dem Fluss des Lebens hingeben“-Affirmationen aufsagen, wie ich will. Das ist einer der Gründe, warum ich Therapeutin geworden bin. An den Fakten traumatischer Erfahrungen lässt sich nichts ändern. Aber ich möchte, dass meine Patient*innen wieder in ihre Handlungsfähigkeit kommen. „Ich muss in Therapie, weil du nicht gegangen bist“ mag sachlich stimmen oder nicht. Für mich ist es die (unnötige) Verlängerung der Opferrolle. Und zwar zu einem Zeitpunkt, zu dem du eigentlich gerade wieder selbst die Kontrolle übernimmst. Auch wenn es sich noch nicht so anfühlt.
Du hast anders entschieden als der Täter. Du hast dich der Situation gestellt, in die du von einer anderen Person gezwungen wurdest, und du schickst dich an, die Folgen davon zu verarbeiten. Vielleicht, weil es gar nicht anders geht, weil dich deine Traumatisierung fertig macht. Vielleicht auch, damit du im weiteren Verlauf niemand anderem schadest. Oder damit du wieder besser für die Menschen sorgen kannst, die du lieb hast. Du durchbrichst den Zyklus. Das ist so eine machtvolle Position!
Der Täter trägt die Verantwortung für seine Taten und den Schaden, den er in deinem Leben angerichtet hat. Schenke ihm nicht auch noch die Verantwortung dafür, was du daraus machst.
Berechtigte Wut
Natürlich steckt in diesem Satz vor allem auch die Wut darüber, wie unfair es ist: Jemand anders schadet uns und wir dürfen jetzt Wochen, Monate oder gar Jahre damit verbringen, den Mist wieder aufzuräumen. Obwohl es vielleicht etwas gegeben hätte, die Erfahrung zu verhindern. Egal, ob das nun Therapie gewesen wäre, frühere pädagogische Interventionen oder ein Gefängnisaufenthalt nach der ersten Gewalttat.
Das ist nicht fair. Das ist nicht fair. Das ist nicht fair.
Die britische Psychologin Dr. Jessica Taylor betont, wie wichtig es ist, Täterverhalten als solches zu benennen, um angemessen darauf reagieren zu können. Die Umdeutung von Gewalt und Missbrauch zu einem Symptom psychischer Erkrankung schwächt die Möglichkeit der Betroffenen, sich zu wehren, Bestrafung und Wiedergutmachung einzufordern und stellt, wieder einmal, den Täter und dessen Bedürfnisse in den Vordergrund.
Es kann allerdings für eine Weile helfen, sich von dem Erleben zu distanzieren. Den Täter als ebenfalls machtlos zu betrachten, kann eine Krücke sein auf dem Weg der eigenen Heilung. Wenn Betroffene diese Strategie wählen, um zurecht zu kommen, dann ist das zu respektieren. Der Rest von uns sollte nur nicht unreflektiert in diesen Chor einfallen.
Hinweis: Dieser Artikel gibt meine ganz persönliche Meinung zu einem Thema wieder, das in meiner Praxis auftaucht oder das ich in meiner weiteren Umgebung beobachte. Beim Schreiben achte ich darauf, fachlich sauber zu arbeiten, aber ich erhebe auf meinem Blog nicht den Anspruch, den Stand der wissenschaftlichen Diskussion umfassend wiederzugeben. Die Darstellungen auf meinem Blog sind nicht geeignet, Einzelfälle zu beurteilen und dürfen auf keinen Fall für die Selbstdiagnose verwendet werden. Wenn du Symptome hast, die dich eine psychische Erkrankung oder Traumafolgestörung vermuten lassen, wende dich bitte an deine Hausärztin, Psychiaterin, Psychotherapeutin oder andere fachlich qualifizierte Personen. Gern kannst du auch mich kontaktieren unter kontakt(at)hppjunge.de und ein Erstgespräch vereinbaren.
Hinweis zu gendergerechter Sprache: Ich gendere, wie es mir gerade einfällt, und bevorzuge das generische Femininum. Selbstverständlich sind grundsätzlich alle Menschen, die sich hier wiederfinden, herzlich willkommen und gemeint.