Tipps zum Umgang mit schrecklichen Nachrichten
Ich war Billardspielen. Mit einer Gruppe Frauen aus einem Verein, in dem ich nicht besonders aktiv bin, d.h. ich kenne da quasi niemanden. Als ich los musste, waren draußen -9°C. Wenn die Mail gekommen wäre, dass die Veranstaltung ausfällt, wäre ich nicht traurig gewesen. Ich sah mich schon, eingemummelt in eine dicke Wolldecke, mit heißer Schokolade und einem Buch auf dem Sofa enden. Und bin dann aber doch losgegangen in die klare, kalte, knochentrockene Winterluft. Warum erzähle ich euch das?
Weil ich mit ziemlicher Sicherheit nicht auf dem Sofa gelandet wäre, und wenn doch, dann nicht mit einem Buch. Die Nachrichtenlage diese Woche war einfach zu schrecklich, um das Telefon lange aus der Hand zu legen. Mich fasst das an, was ich aus den USA oder dem Iran sehe, und das sind ja nur zwei der aktuellen Baustellen, gegen die ich machtlos bin, da kann ich mich zumindest im gemeinsamen Entsetzen in den sozialen Netzwerken als Teil einer Gruppe fühlen, die das alles nicht wirklich gut aushält. Denn die meiste Zeit bin ich ja die, die den Raum halten muss für das Entsetzen der anderen, die nicht mitfallen darf, weil das nicht nur total egoistisch, sondern auch fahrlässig und schädlich für meine Patient*innen wäre. Da werde ich mir jawohl ein, zwei Stunden Doomscrolling am Wochenende gönnen dürfen!
Oder Tage.
Sekundär-Traumatisierung
Menschen, die mit Traumatisierten arbeiten, haben immer ein gewisses Risiko, ebenfalls Symptome zu entwickeln, auch wenn sie selbst keine traumatisierenden Erfahrungen machen. Die Ursache dafür liegt u.a. darin, dass wir mitfühlende Wesen sind, Emotionen annehmen können, die unser Gegenüber fühlt, „mitschwingen“. Unser Gehirn kann nicht gut zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Darum funktioniert Kino. Aber bei der Arbeit mit Traumatisierten kommt dazu, dass die Dinge, die wir hören, keine Fiktion sind. Wir lernen daher Techniken, die uns helfen, uns zu distanzieren, eine professionelle Haltung anzunehmen, zwar empathisch mitzufühlen, uns aber nicht von unseren Gefühlen überrennen zu lassen. Je nach Beruf und professionellem Setting waren wir während unserer Ausbildung schon in Therapie oder holen das später nach und nehmen Supervision in Anspruch, falls uns doch mal etwas mehr anfasst, als wir das für gut halten.
Wir Profis lernen das. Für uns ist das „Bezeugen“ von Taten, Schmerz und großem Leid nicht nur ein Berufsrisiko, auf das wir vorbereitet wurden und mit dem wir umgehen können – und dazu gehört ausdrücklich, dass es sein kann, dass wir es nicht mehr aushalten und Hilfe in Anspruch nehmen. Wir haben uns das ausgesucht und könnten morgen damit aufhören, wenn wir wollten. Wisst ihr, wer sich das nicht ausgesucht hat?
ALLE ANDEREN!
Letzte Woche konnten wir Frame-by-Frame-Analysen davon anschauen, wie ein Mitarbeiter der US-amerikanischen Einwanderungsbehörde einer Frau dreimal in den Kopf geschossen hat, und sie danach eine „F***ing B**ch“ nannte. Wenige Tage vorher haben wir gelernt, was ein „Flashover“ ist und wie man daran stirbt. Und in den nächsten Tagen, davon kann man wohl ausgehen, werden schreckliche Bilder aus dem Iran kommen. Und die Ukraine, Gaza und Waldbrände in Patagonien haben wir dabei fast schon ausgeblendet.
Durch die sozialen Netzwerke werden wir alle zu Zeug*innen von brutalen Verbrechen, und zwar in Dauerschleife. Und die meisten Menschen haben nicht gelernt, wie man damit auf gesunde und gesund-erhaltende Art umgehen kann.
Natürlich wird niemand gezwungen, seine Zeit im Newsfeed zu verbringen. Selektiverer Nachrichtenkonsum ist auf jeden Fall eine Maßnahme. Aber wie realistisch ist das in einer Zeit, in der wir außerdem lernen, dass Männer mit Hilfe von KI massenhaft Nacktbilder von Frauen und Kindern herstellen, Chatbots Kinder in den Suizid treiben oder hybride Kriegsführung die Manipulation der öffentlichen Meinung in neue Sphären treibt? Menschen sind online, sie sind viel online, und sie tun da alles Mögliche. Und ich mag auch nicht mit gutem Gewissen sagen „Guckt weg“, denn wenn wir nicht hinschauen, wie wollen wir dann dagegen vorgehen?
Was können wir tun?
Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass die Überforderung der Massen ein Einfallstor für Faschisten ist. Je aussichtsloser die Situation aussieht und je mehr wir mit unserer eigenen Verzweiflung und Sinnkrise beschäftigt sind, desto leichteres Spiel haben diejenigen, die von einer schwachen Zivilgesellschaft profitieren.
Damit euch die ständige Präsenz von Gewaltverbrechen, Tragödien und Hass, der wir täglich ausgesetzt sind, nicht fertig macht, möchte ich heute ein paar Strategien teilen, die für mich funktionieren. Probiert aus, was euch anspricht und lasst weg, was für eure aktuelle Situation nicht passt.
Was mir hilft, Storys von anderer Leute Trauma auszuhalten
Entscheide dich bewusst: Wie informiert willst du sein?
Es gibt Therapeut*innen, die mit Trauma-Patient*innen ausschließlich Stabilisierung machen und keine Exposition. Das ist o.k. Nicht jeder Mensch muss alles anbieten. Auch ich habe eine Liste von Störungsbildern, die ich nicht anfasse. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Für einige Dinge bin ich nicht qualifiziert, andere sind zu nah an meiner eigenen Geschichte. Wieder anderes will ich einfach nicht. Du entscheidest: Eine Wochenzeitung, 20.00 Uhr Tagesschau, täglich eine Stunde auf Bluesky? Dokus und investigative Recherchen? Gar keine Nachrichten? Oder deine Neugier zum Beruf machen? Überlege dir, was du wissen willst, was du wissen musst und wie viel Kontrolle du über die Infos brauchst, die reinkommen.
Beschränke die Zeit, in der du dich den Geschichten aussetzt
In der NET-Ausbildung wurde uns empfohlen, nicht mehr als zwei Patient*innen gleichzeitig in der Exposition zu haben. Weil es unglaublich anstrengend ist und auch die Therapeutin Zeit braucht, um sich von Sitzungen zu erholen. Ich mache nicht den ganzen Tag Exposition. Ich sehe vielleicht eine Klientin mit leichter Depression, führe dann ein Erstgespräch, geh gut essen und mache am Nachmittag die Exposition, so dass ich danach bald ins Bett gehen kann.
Du willst informiert sein, aber du musst dir nicht 24/7 alles reinziehen. Lege Zeiten fest, in denen du Nachrichten schaust / liest / hörst. Achte auch darauf, wann du das machst. Zwischen Essens-Bestellung und -Lieferung: perfekt. In der Bahn zum Vorstellungsgespräch: Vielleicht zu aufwühlend. Stelle dir unterschiedliche Feeds zusammen und blende Nachrichten aus, wenn du mit Freunden chattest, sofern die App deiner Wahl das zulässt.
Kuratiere, blocke, schalte stumm
Wirklich. Alles, was dir nicht guttut: mach es weg. Ich bin Heilpraktikerin für Psychotherapie. Dafür, dass ich diesen Weg gewählt habe statt einer Approbation, gibt es Gründe, über die ich bestimmt irgendwann schreiben werde. Für jetzt wäre es zu lang. Aber wenn ich jedes Mal einsteigen würde, wenn jemand die Tatsache kritisiert, dass der Gesetzgeber mir diese Möglichkeit überhaupt gibt, dann wäre ich nur damit beschäftigt, Leuten, die es gar nicht wissen wollen, meine Lebensgeschichte zu erklären. Also blocke ich jeden, der „Scharlatan“ schreibt.
Dabei geht es nicht darum, sich eine kritiklose Bubble zu schaffen, sondern zu entscheiden, welcher Energie-Aufwand sinnvoll ist und welcher nicht. Ich habe auch den Begriff „Trump“ stumm geschaltet und weiß trotzdem, was in den USA los ist.
Sei präsent
Wenn du Nachrichten schaust, schau Nachrichten. Vielleicht kannst du so in eine ähnliche Haltung kommen wie ich in einer Sitzung. Aha, jetzt höre ich also, was bei dir los ist. Ich bin Beobachterin, Analystin, stelle mal Fragen und versuche zu verstehen, was deine Sicht der Welt ist. Ich muss mir dazu keine Meinung bilden, ich urteile nicht. Wenn, was ich höre, irgendwas mit mir macht, dann nehme ich das wahr. Meine Gefühle wahrzunehmen, heißt nicht, direkt darauf zu reagieren. Im Gegenteil: Die zeitliche Verzögerung zwischen „Ich habe ein Gefühl“, „Das Gefühl bedeutet, dass…“ und „Deshalb tue ich jetzt …“ ist der Kern professioneller Distanz.
Die Heimatschutzministerin nennt das Opfer Terroristin. Ich spüre die Wut in mir aufsteigen: Ich habe das Video gesehen, meine Einschätzung ist eine andere. Das bedeutet, entweder lügt die Heimatschutzministerin einer Nuklearmacht live im Fernsehen über den Mord an einer Amerikanerin durch die Einwanderungsbehörde der USA oder ich bin bekloppt. Und deshalb verbringe noch zwei Stunden damit, mir alle Videos der Tat aus allen Blickwinkeln davon anzugucken, um mein Weltbild wieder gerade zu rücken. – Ja, sorry, ich bin auch nicht perfekt.
Sorge für dich selbst
Jetzt kommen die Klassiker, aber ohne geht’s nicht, wenn wir bei Kräften bleiben wollen, während wir uns der Welt stellen. Heiße Schokolade, eine dicke Wolldecke und mal wieder ein gutes Buch lesen oder ohne Ablenkung ein Album durchhören, sind super. Abwechslungsreiche Ernährung, möglichst saisonal und frisch, moderate Bewegung, täglich bei Tageslicht vor die Tür zu gehen und ausreichend guter Schlaf gehören zu den Mindestanforderungen. Richte Zeiten für Entspannung ein und gönne Körper und Hirn eine Auszeit: Pausen im Tag, Urlaub, Meditation, Digital Detox. Pflege deine Beziehungen und Hobbys, probiere ab und zu etwas Neues aus, lerne ein Instrument oder eine Sprache oder alle Pokémon auswendig.
Eine Auswahl der Dinge, die ich zuletzt (oder mal wieder) ausprobiert habe: Karate, Impro-Theater, Chorsingen, Zeichnen, Italienisch, Aikido, auf eine Preisverleihung gehen, Eis machen, ins Museum und ins Theater gehen. Billard.
Und damit sind wir, glaube ich, bei dem Punkt, der am meisten in seiner Schutzwirkung unterschätzt wird:
Community
Und zwar in Form lockerer Bekanntschaften. Nicht der enge Freundeskreis, die Familie oder romantische Beziehungen. Die sind natürlich auch wichtig; aber sie sind für viele Menschen auch eine weitere Quelle von Stress, sogar Trauma, oder sie sind nicht vorhanden. Lockere Kontakte, die uns das Gefühl geben, hier gehöre ich hin, aber nichts von uns fordern, sind eine Quelle, die wir jederzeit anzapfen können. Das „Moin“ an den Nachbarn. Das „Wie immer?“ morgens beim Bäcker. Der Small Talk übers Wetter in der Bahn. Der Flirt auf der Rolltreppe. Die Vereinskollegen, die nie fragen, was man so treibt, sondern nur über ihren Sport reden. Die Billardrunde mit den Mensa-Frauen.
Auch online kann das funktionieren. Wir rümpfen gern die Nase über das Jagen nach Likes als Dopaminsucht. Und das kann auch durchaus problematisches Verhalten werden. Aber nur, weil etwas online stattfindet, sollten wir es nicht abwerten. Es gibt Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht ohne weiteres vor die Tür gehen und mit Nachbarn reden können. Es ist doch super, dass wir in einer Zeit leben, in der wir alle einbinden können! Oder Menschen am anderen Ende der Welt durch ein Like signalisieren, dass wir sie sehen und ihren Kampf unterstützen. Wir brauchen zwar keine Likes, aber wir brauchen eine Kenntnisnahme unseres Daseins. Wir brauchen Community, um uns in der Welt sicher zu fühlen. Erst recht, wenn die Welt aussieht wie ein riesiger Haufen Chaos.
Komm ins Handeln
Gar nicht mal so offensichtlich, aber auch für mich ein wichtiger Punkt. Als Therapeutin bin ich ja schon Handelnde, sollte man meinen. Und das stimmt auch zum Teil. Ich habe mich für diesen Beruf entschieden, nachdem ich lange dachte, ich will nur präventiv arbeiten. Ich fand es wichtiger, Trauma zu verhindern als es zu therapieren. Finde ich, ehrlich gesagt, auch immer noch. Aber die Realität ist nun einmal, dass wir ständig mit Trauma konfrontiert sind. Und leider auch, dass sich Trauma fortpflanzt. Sei es intergenerational und in Familien, sei es in Organisationen, sei es in politischen Systemen und Institutionen.
Auf Netflix gibt es eine Doku, „In Waves and War“, über Traumatherapie bei den US Navy Seals. Ziemlich am Ende fasst einer der begleiteten Männer seine Erfahrung zusammen: „Ich frage mich, ob wir noch ein Militär hätten, wenn wir aufhören würden, unsere Kinder zu missbrauchen“. Traumatherapie ist Traumaprävention.
Was ist dein Thema? Wo sind die Leute, die dazu arbeiten? Schließ dich an, bring dich ein, mach die Welt um dich herum ein klitzekleines bisschen besser. Oder schöner. Oder lustiger. Was auch immer die Sache ist, die du gerade wichtig findest.
Rede darüber
Last, but not least, wäre die Liste nicht vollständig mit: Such dir Hilfe. Sprich mit Profis, wenn die Welt dich zu überfordern droht. Wir Therapeut*innen nehmen auch Supervision in Anspruch. Wir wissen, dass es immer mal vorkommen kann, dass wir etwas hören, das unsere Kräfte, Ressourcen, Fähigkeiten oder ganz einfach Tagesform übersteigt. Und wir sind selbst die Profis. Da sollte es doch eigentlich normal sein, dass alle anderen auch mal Hilfe brauchen.
Damit meine ich nicht unbedingt Therapie. Zwar kann Psychotherapie auch als Vorsorge übernommen werden, aber es gibt auch jede Menge niedrigschwellige Angebote. Du kannst ein entlastendes Gespräch auch z.B. mit Coaches, Sozialarbeiter*innen etc. führen, nicht nur mit Therapeut*innen. Oder du kannst bei einem der kostenlosen Hilfetelefone anrufen. Das Wichtigste: Es ist keine Schande, überfordert zu sein, und du hast jedes Recht, dir die Hilfe zu suchen, die du brauchst.
Falls du mit mir sprechen möchtest, schreib mir gern eine Mail oder hinterlasse eine Nachricht auf meinem Band (siehe Impressum). Ich melde mich dann mit einem Terminvorschlag bei dir.
Hinweis: Dieser Artikel gibt meine ganz persönliche Meinung zu einem Thema wieder, das in meiner Praxis auftaucht oder das ich in meiner weiteren Umgebung beobachte. Beim Schreiben achte ich darauf, fachlich sauber zu arbeiten, aber ich erhebe auf meinem Blog nicht den Anspruch, den Stand der wissenschaftlichen Diskussion umfassend wiederzugeben. Die Darstellungen auf meinem Blog sind nicht geeignet, Einzelfälle zu beurteilen und dürfen auf keinen Fall für die Selbstdiagnose verwendet werden. Wenn du Symptome hast, die dich eine psychische Erkrankung oder Traumafolgestörung vermuten lassen, wende dich bitte an deine Hausärztin, Psychiaterin, Psychotherapeutin oder andere fachlich qualifizierte Personen. Gern kannst du auch mich kontaktieren unter kontakt(at)hppjunge.de und ein Erstgespräch vereinbaren.
Hinweis zu gendergerechter Sprache: Ich gendere, wie es mir gerade einfällt, und bevorzuge das generische Femininum. Selbstverständlich sind grundsätzlich alle Menschen, die sich hier wiederfinden, herzlich willkommen und gemeint.
Beitragsbild: Foto von Louie Castro-Garcia auf Unsplash