Systemische Therapie

Die systemische Therapie hat ihren Ursprung in der Familientherapie, wo sich schon in der Mitte des letzten Jahrhunderts die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass psychische Probleme und Verhaltensauffälligkeiten eines Familienmitglieds sich nicht nur auf alle anderen Mitglieder auswirken, sondern auch durch diese mit beeinflusst werden können. Dies gilt für alle Arten von sozialen Systemen, also Organisationen, Teams und Institutionen, in denen Menschen zusammen wirken. Deshalb ist die systemische Therapie im organisationalen Kontext besonders hilfreich und eng verwandt mit der systemischen Beratung / Organisationsberatung.

Sie unterscheidet sich von anderen Therapieformen nicht nur methodisch, sondern vor allem auch durch ihr Verständnis davon, was Krankheit ausmacht. Krankheit wird in der systemischen Arbeit vor allem als Konstrukt verstanden, weniger als objektiv feststellbare Diagnose oder gar Eigenheit von Klientinnen. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir keine Diagnosen stellen. Es bedeutet aber, dass es vielleicht nicht wichtig ist, ob eine bestimmte Diagnose vorliegt, wenn das resultierende Verhalten im System niemanden stört. Diese Sichtweise auf Krankheit, die Klientin und ihre Umgebung irritiert zuerst einmal, und das soll sie auch.

Wenn man sich dieser Sichtweise öffnet, kann es ungemein entlastend wirken, sich nicht vorrangig als „krank“ zu betrachten, einhergehend mit dem Auftrag, möglichst wieder „gesund“ zu werden. Sondern eher zu fragen, was man braucht, um in bestimmten Situationen (wieder) handlungsfähig zu werden oder besser zurecht zu kommen.

Wann kommt die systemische Therapie zum Einsatz?

Wenn man, wie ich, die Welt systemisch betrachtet, geht man naturgemäß alle Probleme systemisch an. Insgesamt unterscheiden sich die Anliegen, mit den Klientinnen in die systemische Therapie kommen, nicht von den unter „Gesprächstherapie“ genannten.

In der systemischen Therapie wird schon die Diagnosestellung als Intervention betrachtet. Basierend auf dem Krankheitsverständnis als Konstrukt arbeiten wir sehr individuell und flexibel mit unseren Klientinnen. Im Vordergrund steht weniger die Diagnose als Indikation, sondern das Anliegen der Klientin, die ihre Situation systemisch betrachten und verändern möchte. Trotzdem gibt es natürlich Störungsbilder, die mehr oder weniger geeignet sind für systemische Interventionen.

Am besten untersucht ist die systemische Therapie für Themen, die vorwiegend Jugendliche und junge Erwachsene betreffen, wie Störungen des Sozialverhaltens, Delinquenz, Ess-Störungen und Substanzmissbrauch. Diese Studienlage hat mit der Verortung der systemischen Therapie in der Familientherapie zu tun. Ihre Wirksamkeit ist ebenfalls gut belegt bei Depressionen und Suizidalität sowie den psychischen Auswirkungen körperlicher Erkrankungen.

Die systemische Therapie ist auch dann eine gute Wahl, wenn interdisziplinär und über Grenzen von Institutionen oder Organisationseinheiten hinweg gearbeitet werden soll, z.B. im betrieblichen Setting, in der sozialen Arbeit oder in Schulen.

Ich nutze die systemische Therapie außerdem in der 3. Phase der Traumatherapie, wo es oft darum geht, sich selbst innerhalb der verschiedenen Systeme, denen man angehört, neu zu verorten. Belastende Ereignisse in ihrem Kontext zu betrachten, mit allen dazu gehörigen Gefühlen und Gedanken, kann dabei helfen.

Was ist das Besondere an der systemischen Therapie?

Die systemische Therapie nutzt ein breites Spektrum an Methoden. Manche davon kennen Sie vielleicht aus Coaching, Beratung oder anderen Therapieformen, z.B. Aufstellungen und ihre Varianten, bestimmte Frage-Formen oder das Legen von Lebenslinien.

Wenn Krankheit ein Konstrukt ist, muss die Therapie an dieser Konstruktion der Wirklichkeit ansetzen. Wir stellen deshalb SEHR VIELE Fragen. Wir machen auch Vorschläge für Experimente, Interventionen oder Übungen. Manchmal geben wir Hausaufgaben auf. Wir nehmen unsere Klientinnen immer ernst, uns selbst aber nicht so sehr. Humor ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie.

Wenn ich Sie ermutige, Ihre Weltsicht zu hinterfragen, was sehr verunsichern kann, dann tue ich das nicht in der Annahme, meine Weltsicht sei richtiger als Ihre. Sondern ich tue das voller Respekt für Ihre Geschichte und Person, und mit großer Neugier darauf, welche anderen Möglichkeiten sich Ihnen eröffnen.

Ich arbeite systemisch, weil niemand von uns eine Insel ist. Wir Menschen sind soziale Wesen und in unseren jeweiligen Zusammenhängen zu verstehen. Konstruktivismus und soziale Interdependenzen bedeuten für mich nicht, dass es keine objektivierbaren Diagnosekriterien gibt, das ist mir wichtig zu betonen. Eine Panikattacke ist nicht deshalb schlimm, weil wir uns darauf geeinigt haben, sondern die fühlt sich einfach richtig schlimm an. Keine Therapieform ist für alle Klientinnen gleich gut geeignet. Wenn Sie der Blick darauf interessiert, wie die Erkrankung und Ihre Lebensumstände zusammenhängen und was Sie tun können, damit wieder Bewegung in festgefahrene Situationen kommt, kann sich systemische Therapie lohnen.

Sie sind unsicher, ob die systemische Therapie das richtige Verfahren für Sie ist? Dann ist das Erstgespräch eine gute Möglichkeit, die Methode kennenzulernen. Rufen Sie an oder mailen Sie mir, um einen Termin zu vereinbaren.


Zum Weiterlesen:

Schweitzer, J. & von Schlippe, A. (2016): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I und II, 6. Aufl., V&R Göttingen

Hanswille, R. & Kissenbeck, A. (2022): Systemische Traumatherapie, 4. Aufl., Carl Auer Heidelberg

Von Schlipp, A. & Schweitzer, J. (2019): Systemische Interventionen, 4. Aufl. utb Göttingen

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