Traumatherapie

Traumatherapie ist keine eigene Therapieform, sondern ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Methoden, mit denen die psychischen Folgen von traumatischen und belastenden Ereignissen behandelt werden. Im engeren Sinne meint man damit die Methoden, die zur Konfrontation mit dem traumatischen Ereignis (Exposition) zum Einsatz kommen. Beispiele, die sie vielleicht schon gehört haben, sind u.a. EMDR, Narrative Expositionstherapie (NET), Brainspotting oder Somatic Experience.

Jede Methode hat etwas unterschiedliche Ansätze, die aber vor allem wissenschaftlich interessant sind. In der Praxis verfolgen alle diese Methoden das Ziel, die belastende Erfahrung so weit zu verarbeiten, dass Gehirn und Körper der Klientin nicht mehr mit den psychischen Folge-Störungen zu kämpfen haben. Manche Methoden gehen dabei sehr detailliert in die Beschreibung des Ereignisses (NET z.B.), andere kommen nahezu ohne Verbalisierung des Ereignisses aus, was z.B. für die Behandlung von frühkindlichen (vorsprachlichen) Traumatisierungen von großem Vorteil ist.

Die Exposition ist jedoch nur ein Teil der Traumatherapie, die in der Regel in Phasen abläuft. Ich verwende das 3-phasige Therapiemodell mit den Phasen

  1. Stabilisierung
  2. Exposition
  3. Integration

In der Praxis sind die Phasen nicht immer ganz streng getrennt, z.B. beginnt die Integration nicht auf Knopfdruck erst dann, wenn wir alle Ereignisse bearbeitet haben, sondern bereits ab der ersten Exposition. Aber solange wir in der Expositionsphase sind, arbeiten wir nicht zusätzlich an einem neuen Weltbild – das kann ja niemand leisten. Und meine Güte, müssen Klientinnen in der Traumatherapie viel leisten! Und damit meine ich nicht, Druck, Dinge schaffen, Leistung als Produktivität, sondern Anerkennung für die große Leistung, sich den Folgen belastender Erfahrungen zu stellen. Und irgendwann damit auch wieder aufzuhören.

Stabilisierung

In der Stabilisierungsphase geht es darum, die Klientin, genau, zu stabilisieren. Hier findet Psychoedukation statt und wir üben Techniken, mit denen die Patientin ihre Emotionen und körperlichen Reaktionen besser regulieren kann. Manchmal braucht es Strategien, mit bestimmten Triggern umgehen zu lernen oder ihnen sogar aus dem Weg zu gehen, bis man sich der Exposition stellen kann und sie vielleicht keine Trigger mehr sind.

Es kommt vor, dass man (als Therapeutin) gar nicht weiß, dass man in der Stabilisierungsphase ist, weil die Klientin mit ganz anderen Problemen in die Psychotherapie kommt und erst nach Wochen das Trauma identifiziert wird. Stabilisierung kann unterschiedlich viel Zeit in Anspruch nehmen und in jedem Therapieverfahren durchgeführt werden.

Das allgemeine Ziel ist, im Alltag besser zurecht zu kommen. Hier wird noch nicht im Detail über das traumatische Ereignis / die traumatischen Ereignisse gesprochen. Das heißt nicht, dass Sie Ihren Unfall nicht erwähnen, sondern dass ich Sie in dem Moment nicht fragen werde, was Sie gerochen haben, als Sie da eingeklemmt in Ihrem Auto lagen. Das ist eine Frage für die narrative Exposition.

Die Stabilisierungsphase dient auch dem Aufbau einer tragfähigen Beziehung zwischen Therapeutin und Klientin, um sich gemeinsam der Expositionsphase stellen zu können.

Für viele Klientinnen reicht es aus, eine gute Stabilisierung zu erreichen und sie beenden die Therapie, bevor es zur Exposition kommt. Das ist legitim. Die Patientin muss die Expositionsphase durchhalten können, und dafür ist nicht immer gerade der richtige Zeitpunkt im Leben.

Manchmal stellt man auch fest, dass die Therapeutin, die in der Stabilisierung die richtige Partnerin war, nicht die ist, mit der man die Exposition machen möchte. Oder dass man eine andere Methode bevorzugt, als diese Person durchführen kann. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, meine Klientinnen bei der Suche nach einer neuen Therapeutin zu unterstützen. Oder in Kooperation mit Kolleginnen deren Klientinnen in die Narrative Exposition zu übernehmen, wenn die beiden anderen Phasen von der Kollegin begleitet werden.

Exposition

Alles, was zum Ende der Therapie nach der Stabilisierung führen kann, kann natürlich auch einem ganz anderen Zweck dienen, nämlich die Expositionsphase hinauszuzögern oder zu vermeiden. Die Vermeidung der traumatischen Erinnerung ist Teil der Symptomatik bei Traumafolgestörungen. Ich bewerte das Zögern nicht. Wenn Sie mir (noch) nicht vertrauen, Sie sicher durch die Exposition zu bringen, fangen wir nicht an.

Wenn Sie sich für die Exposition bei mir entscheiden, stehen uns die folgenden Therapieformen zur Verfügung:

  • Narrative Expositionstherapie
  • I.T.S. – Integration Trauma-assoziierter Selbstanteile

Während die NET einem strukturierten Interview ähnelt, bei dem die belastenden Ereignisse erzählt und detailliert auf kognitiver, emotionaler und körperlicher Ebene erinnert werden, ist die I.T.S. eine eher sanfte, sehr ressourcenorientierte Methode. Beide Verfahren lassen sich in andere, übergeordnete Therapieverfahren integrieren. Wobei vor allem in der NET darauf zu achten ist, keine anderen Therapieformen oder -phasen parallel stattfinden zu lassen, sondern auf eine strikte Trennung der Phasen zu achten, sofern die NET nicht ohnehin als alleinstehende Kurzzeittherapie durchgeführt wird.

Die Expositionsphase ist extrem anstrengend und sollte nicht ambulant durchgeführt werden, wenn die Klientin in wirtschaftlich oder sozial unsicheren Verhältnissen lebt oder derzeit andere außergewöhnliche Belastungen (zusätzlich zur Traumafolgestörung) bewältigen muss.

Das Ziel der Exposition ist es, dass Gehirn und Körper die Erinnerung als solche abspeichern lernen, statt sich immer wieder zur fühlen, als würde die Bedrohung jetzt gerade stattfinden. „Ich will das einfach vergessen“. Das wird nicht passieren. Aber Sie haben gute Chancen, dass die Erinnerung daran „kälter“ wird, nicht mehr mit so vielen Gefühlen und körperlichen Reaktionen einhergeht. Und Sie anfangen können mit dem Leben „danach“.

Integration

Genau darum geht es in der Integrationsphase. Nachdem die überschießenden Symptome in der Expositionsphase hoffentlich reduziert wurden, steht jetzt die Frage nach dem „Wer bin ich ohne mein Trauma?“ im Raum. In dieser Phase wird ganz viel geweint. Gewütet. Geflucht. Dinge durch den Raum geworfen. Getrauert. Um die Person, die man mal war. Um das Leben, dass das Trauma genommen hat. Um die Chancen, die die Traumafolgestörung zerstört hat. Um die Illusionen, die man sich über die Welt gemacht hatte. Regelmäßig geht es um Themen wie Vertrauen, Sicherheit, Fairness und Gerechtigkeit.

Belastende Ereignisse finden in bestimmten, systemischen Kontexten statt, und die Integrationsphase ist dann der Moment, in denen diese Themen aufkommen: Wurden Täter gefasst und belangt? Gab es Hilfe, wurden mir wirtschaftliche / materielle Schäden ersetzt oder musste ich neben der Traumatisierung noch um meine Rechte kämpfen? Haben mir die Menschen geglaubt und durfte ich meine Verletztheit zeigen? Oder wurde erwartet, dass ich mich zusammenreiße oder sogar den Täter schütze? Hat jemand die Verantwortung für den Unfall übernommen, war der Fehler vermeidbar? Wie lerne ich, anderen Menschen und meinem Urteil über andere Menschen wieder zu vertrauen? Nachdem ich jetzt Monate oder gar Jahre damit verbracht habe zu akzeptieren, dass mir das passiert ist, wie höre ich jetzt auf, mich darüber zu definieren?

Wir können erlittenes Unrecht nicht wegtherapieren. Wir sind als Menschen aber gefordert, uns dem zu stellen, was uns passiert ist, und einen Weg zu finden, wie wir damit leben können. Ob das bedeutet, dass Sie das Ereignis durcharbeiten und dann hinter sich lassen. Oder ob Sie darin „Ihr Thema“ finden und dem Ereignis Sinn geben, indem Sie es zu Ihrer Aufgabe machen. Ob Sie entscheiden, das System zu verändern, das Ihnen nicht adäquat geholfen hat. Oder ob Sie ein Buch schreiben und die Filmrechte an Netflix verkaufen. Irgendwann kommen Sie auf der anderen Seite an – wie auch immer die andere Seite für Sie ganz persönlich aussieht.

Wenn Sie wissen möchten, ob ich die richtige Begleiterin bin für die nächste Etappe Ihres Weges, rufen Sie an oder mailen Sie mir, um einen Termin für ein Erstgespräch zu vereinbaren.


Zum Weiterlesen:

Hantke, L. & Görges, H-J. (2023): Handbuch Traumakompetenz. 2. Auflage, Junfermann Paderborn

Herman, J.J. (2022): Trauma and Recovery, 6. Aufl., Hachette New York

Van der Kolk, B. (2014): The body keeps the score, Penguin New York

Schauer, M. (2024): Die einfachste Psychotherapie der Welt, 4. Aufl., Rohwolt Hamburg

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